Lernen ist wie Atmen | Leseproben
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Selbst am Wochenende kommen wir nicht zur Ruhe, denn die nächsten Tests und Schularbeiten stehen vor der Tür. Alles dreht sich nur noch um die Schule. Wir alle versuchen zu funktionieren, aber die Tage sind einfach zu dicht. Die Lehrer sind unzufrieden und rufen mich an.

Die Kinder sind angeblich zu verspielt und verträumt. Hausübungen fehlen! Gefährdung unterschreiben…

Ich versuche mein Bestes, aber mein Bestes reicht anscheinend nicht. Wie denn auch, die Zeit ist viel zu knapp. Die Kinder stehen unter Druck, sogar unsere Jüngste möchte plötzlich nicht mehr in den Kindergarten. Ich sehne mich nach Veränderung. Ist Freilernen eine Alternative für uns?“ (Melanie Hetterich)

Ich kann mich noch gut an meinen ersten Schultag als Lehrer erinnern. Einer meiner neuen Kollegen, der ebenfalls in meiner Klasse unterrichtete, formulierte ziemlich klar, dass die Kinder eben alle „sehr schwach seien“. Zudem riet er mir dringend, dass, wenn die Kinder laut oder aufmüpfig werden, ich gleich mit entschiedener Härte und Disziplin reagieren müsse.

Noch trauriger fand ich es, als die Direktorin mich in meiner neuen Klasse vorstellte und vor allen Kindern einen Jungen ansprach: „Ganz besonders du sollst schön mitlernen. Du weißt eh, dass du schwach bist.“ Kleinlaut antwortete der Junge darauf: ‘Ja weiß ich eh.’“ (Claus Hollweck)

Ein Tag wie jeder anderer. Nein, es gibt keine Tage mehr die einander gleichen, seitdem wir uns für das Freilernen entschieden haben. Jeder Tag ist eine wunderbare Begegnung mit meinen Kindern, voller Liebe, Freude, Spannung und Herausforderungen. Es ist einfach toll zu sehen, welche Ideen tagtäglich aus ihnen spriessen, wie eine Blume, die ihren Blütenkelch öffnet und ihren Blütenstaub verbreitet, zum Wohle aller anderen.“ (Daniela Fancoj)

„Mamaaaaa! Mein Sohn (5) sitzt am Klo, und ich erwarte das, was er immer will, wenn er dort fertig ist. Heute will er etwas anderes: “Zwei mal vier ist acht!”, offenbart er mir, als ich in der Klotüre erscheine. “Ja”, antworte ich etwas baff ob der unerwarteten Erkenntnis, die er gerade am stillen Örtchen gewonnen hat. “Und – wie kommst du da drauf?” frage ich äußerst interessiert.” Das ist so”, erklärt er mir fachmännisch und deutet auf die leeren Klorollen, die er vor sich aufgestapelt hat. “Wenn ich die leere Klorolle naß mache, zerlegt sich der Pappendeckel in 2 Teile. Soll ich’s dir zeigen?” Schon hält er die Klorolle unter den Wasserhahn und weicht sie auf. Der graue Karton läßt sich mühelos zweiteilen. “Und wenn ich alle vier Klorollen einweiche und auseinanderziehe, habe ich acht Kartonstücke. Also: zwei mal vier ist acht!!” Tja, so einfach ist es….!“ (Heidrun Krisa)

„Bei vielen Leuten in meinem Alter sehe ich, dass sie einfach keine Zeit mehr dafür haben, ihrem Herzen zu folgen, oder noch nicht einmal genau wissen, was sie tun sollen, wenn es ihnen nicht von irgend jemandem vorgeschrieben wird. Alleine der Gedanke daran macht mich traurig, denn ich kann mir nicht vorstellen, meine wahre Leidenschaft einfach links liegen zu lassen (…).“ (Lisa Marschnig, 18 Jahre)

Die stereotype erste Frage: „In welche Klasse geht er denn jetzt?“, wenn das Gesprächsthema „Enkelkinder“ auftaucht, habe ich ja inzwischen gelernt, sehr selbstverständlich, manchmal auch mit einer Scherzfrage, zu beantworten. Dabei bleibt es aber meist nicht. Da kommen noch jede Menge „Ja, aber“- Einwände, was soziale Kompetenz, Allgemeinbildung, Studien- und Berufsaussichten betrifft.

Anfangs machten mich solche Gespräche natürlich unsicher und nachdenklich. Aber alters- und erfahrungsbedingt und auch von meinem Temperament her neige ich glücklicherweise zu Gelassenheit in allen Lebenslagen, was hier auch sicher kein Nachteil ist: Ich freue mich einfach über jeden, oft verblüffend unerwarteten Fortschritt, den Benjamin macht, über seinen Einfallsreichtum, seinen Forschungsdrang, seine Empathie-Fähigkeit, seine positive Fröhlichkeit, und sehe zunehmend keinen Grund, mir irgendwelche „Sorgen von morgen“ einreden zu lassen.“ (Hedwig Nechtelberger)

Ich fahre hoch. Hilfe – was ist das? Ich habe geschlafen, es muss so sein. Mein allwissender Körper hat sich zu diesem Neugeborenen gedreht, hat es vollkommen umschlossen wie die Muschel eine Perle. Instinktiv hat mein Körper das getan. Ganz alleine und ohne mich. Aber wie ist das Kind da in meine Arme gekommen? Es liegt so nah an mir, kein Lichtstrahl passt mehr zwischen uns. Es muss das ganz alleine getan haben, es ist zu mir gekommen, gekrochen, gewunden, gekrabbelt mit jeder Faser seines scheinbar hilflosen Körpers. Mein Kind ist nicht hilflos! Es bahnt sich seinen Weg, es findet seinen Ort, seinen Raum, wo es hingehört. Es weiß schon, was es will, es tut schon alles, was nötig ist. Von ganz alleine. Und es braucht mich! Anders, als ich gedacht habe. Es braucht mich, und ich lasse es.

Von einem Moment auf den anderen weiß ich, dass ich diesem meinem Kind absolut vertrauen kann.“ (Karin Siakkos)